Datum: 20.01.2010
Zeitung: Neue Nidwaldner Zeitung
Author: Kurt Liembd

Musik aus tiefster russischer Seele

Tschaikowsky, Mussorgski, Strawinsky: Der Orchesterverein Nidwalden wuchs an seinem Neujahrskonzert über sich hinaus. Laien spielten wie Profis.

Schafft das ein Laienorchester? Das fragten sich viele, als sie das Programm lasen. Da wurden weltbekannte und schwierige Werke von weltbekannten Komponisten angekündigt. Ein Wagnis? Gewiss, aber es hat sich in jeder Beziehung gelohnt. Unter der umsichtigen Leitung von Tobias von Arb gelang ein eindrücklicher Konzertabend, der beim Publikum viel Begeisterung auslöste und dem Orchester grossen Respekt einbrachte – im zweimal ausverkauften Kollegisaal in Stans.

Strawinskys Spielwitz
Schon zu Beginn gelang es dem über 60-köpfigen Orchester, wundersame Stimmungen hervorzuzaubern. Das Vorspiel zur Oper «Chowanschtschina» von Modest Mussorgski geriet sehr stimmungsvoll und wurde zu einem «halben» Glaubensbekenntnis. «Sonnenaufgang über der Moskwa» heisst die Hymne, welche friedvoll und zart beginnt und sich kraftvoll entwickelt. Bereits in dieser Einleitung erfuhr man, dass das Orchester fähig ist, wundersame Stimmungen hervorzuzaubern und Klänge von berückender Transparenz und Schönheit zu schaffen. Und: Für einmal zeigte sich Mussorgski von einer anderen Seite, als man ihn sonst kennt. Doch es sollte noch eindrücklicher werden, so mit den «Acht russischen Volksweisen» von Anatol Liadow. Die fantasieanregenden kurzen Stücke gerieten spritzig, oft mysteriös und qualitativ immer hochstehend. Noch mehr gefordert war das Orchester aber bei Strawinskys «Suite für kleines Orchester». Es wäre fatal, Strawinsky als Komponisten in eine einzige Schublade zu stecken, denn er hat seine Musikstile oft gewechselt. Dies bewies das Nidwaldner Orchester auf eindrückliche Weise. Herzerfrischend und mit Spielwitz kamen alle sechs Sätze daher und begeisterten dank einer souveränen Interpretation. Vor allem die Bläser, mit zahlreichen Soli stark gefordert, meisterten ihre Aufgaben beispielhaft.

Genie Tschaikowsky
Der zweite Konzertteil stand ganz im Zeichen von Peter Tschaikowsky, der russischen Seele schlechthin. Auch wenn dieser oft als Kronzeuge russischer Schwermut gehandelt wird, zeigte das Orchester gleichzeitig, welch unendliche Melodik und Romantik bis hin zu Fröhlichkeit in seiner Musik steckt. So mit der Suite aus «Schwanensee», die immer wieder aufs Neue fasziniert und weltweit zum Synonym für Ballett schlechthin geworden ist. Die Stanser Aufführung war derart authentisch und von den Musikern verinnerlicht, dass das Publikum völlig mitgerissen war. So stark war die Ausdruckskraft, dass das Publikum nach dem zweiten Satz spontanen Zwischenapplaus spendete, was in diesem Falle für alle stimmte – auch für den Dirigenten. Als «Zückerchen» folgte zum Abschluss der Blumenwalzer, der ebenso meisterhaft interpretiert wurde. Auch hier gelang es dem Orchester ausgezeichnet, dem Klischee eines schwermütigen Genies entgegenzutreten, dafür umso mehr seine mitreissenden Hochgefühle aufleben zu lassen.

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